Flora und vegetation


Es stimmt nicht, dass Fuerteventura vor der Ankunft des Menschen, wie man manchmal hört, ganz von Wäldern bedeckt war. Mit Sicherheit gab es damals aber  mehr Vegetation als heute. Zwei Jahrtausende extensive Viehhaltung und mehrere Jahrhunderte Landwirtschaft und Holzeinschlag für den Haus- und Schiffsbau sowie der frühere Brennholzbedarf für die Haushalte und die vielen Kalköfen, die bis vor 60 Jahren auf der Insel in Betrieb waren, haben aber die Pflanzenwelt Fuerteventuras stark geschädigt und dezimiert und wesentlich dazu beigetragen, die halbwüstenartige Landschaft zu schaffen, die wir heute sehen.

Trotzdem kann man in manchen Tälern und “Barrancos” (langgezogene Täler oder Schluchten) schöne Palmenhaine aus kanarischer und echter Dattelpalme antreffen und auch Tamariskenwäldchen, die zu den besterhaltenen des kanarischen Archipels gehören. Es gibt gebietsweise auch mit einer Art Niederwald bestandene Hänge, in dem zwei Wolfsmilch-Arten überwiegen, die Balsamwolfsmilch und die König-Juba-Wolfsmilch. Dies sind zwei Sträucher, die schleimhautreizenden Milchsaft haben.  Im Süden der Insel kommt auch die kanarische Kandelaberwolfsmilch vor, die man leicht für einen Kaktus halten kann. Im Bergland von Betancuria kann man zerstreut  wilde Ölbäume und die Atlantische Pistazie finden, und auf den grössten Höhen der Jandía-Halbinsel, welche einen grossen Teil des Jahres in Wolken gekleidet sind und daher eine hohe Feuchtigkeit aufweisen, haben in unzugänglichen Felswänden sogar kleine Reste Lorbeerwald überlebt, der sonst nur auf den westlichen Kanaren vorkommt. Diese letzten Rückzugsgebiete beherbergen einzigartige endemische Pflanzen- und Tierarten und haben daher einen enormen wissenschaftlichen Wert. Sie stehen theoretisch unter Schutz, aber die traditionelle freie Ziegenhaltung  selbst in den geschützten Gebieten stellt weiterhin ein ungelöstes Problem dar. 

Die Gefässpflanzenflora von Fuerteventura umfasst ca. 730 Arten, die ca. 36% der etwas über 2000 bisher von den Kanaren gemeldeten wild wachsenden Pflanzenarten darstellen. Darunter befindet sich ein Dutzend für Fuerteventura endemische (nur hier vorkommende) Pflanzen, unter denen wir die kakteenartige Jandía-Wolfsmilch (vom kanarischen Parlament als pflanzliches Symbol der Insel gewählt), den enzianblau blühenden Jandía-Natternkopf und die Winter-Margarite hervorheben möchten. Letztere wurde nach Gustav Winter benannt, einem deutschen Ingenieur, dem vor einigen Jahrzehnten die gesamte Halbinsel Jandía gehörte. Die sogenannten “Niederen Pflanzen” (Moose, Pilze, Flechten und Algen) stellen insgesamt mehrere Hundert Arten und sind noch relativ wenig erforscht. In der Landschaft stellenweise auffallend sind Flechten, die auf manchen Felsen bunte Überzüge  bilden.